Einundvierzig Tage, die einundvierzig Jahre beendeten
Die Samtene Revolution vom November 1989 ist eine der großen friedlichen Revolutionen der modernen Geschichte. Sie begann mit einem genehmigten Studentenmarsch am 17. November (zum Gedenken an den 50. Jahrestag der nationalsozialistischen Unterdrückung tschechischer Universitäten), der sich in eine große politische Demonstration verwandelte, bevor die Polizei die Demonstranten auf der Národní-Straße mit Schlagstöcken angriff. Die Brutalität der Reaktion — gefilmt, unleugbar — mobilisierte die Bevölkerung.
In den folgenden Wochen füllte sich Václavské náměstí (Wenzelsplatz) in Prag allnächtlich mit Hunderttausenden von Menschen. Das Bürgerforum, die von dem Dissidenten-Dramatiker Václav Havel angeführte Oppositionskoalition, verhandelte vom Laterna-Magika-Theater aus. Die Kommunistische Partei trat von der Macht zurück. Am 29. Dezember war Václav Havel von der Bundesversammlung zum Präsidenten gewählt worden — dem Parlament, das er nie hatte adressieren dürfen. Der Übergang war so diszipliniert und gewaltfrei, dass westliche Beobachter ihn „samten” nannten.
Dieser Spaziergang verfolgt die physische Geografie jener Wochen. Die Orte sind markiert — manche mit Denkmälern, manche mit Gedenktafeln, manche nur durch ihre fortbestehende Existenz als Schauplätze, an denen Geschichte geschrieben wurde.
Der Spaziergang, Haltepunkt für Haltepunkt
Haltepunkt 1: Národní-17-Denkmal
Národní 16 (Durchgang), Nové Město | U-Bahn: Národní třída (Linie B)
Am Durchgang der Národní 16 beginnen, wo das Denkmal zum 17. November 1989 in die Wand eingelassen ist. Eine Reihe von Bronze-Reliefs — Hände, die aus dem Stein herausragen — markiert den Ort, an dem die Polizei die Studentendemonstration angriff. Der Marsch war offiziell genehmigt; die polizeiliche Reaktion war es nicht. Die Bilder von Studenten, die mit erhobenen Händen sitzen und geschlagen werden, gingen um die Welt.
Das Denkmal ist zurückhaltend und leise stark. Viele Prager legen Blumen nieder. Der Durchgang selbst ist unscheinbar — genau die Art gewöhnlichen Stadtbereichs, an dem Geschichte passiert: ein überdachter Eingang zu einem Wohnhaus, kein Denkmal an sich.
Einplanen: 10 Minuten.
Haltepunkt 2: Wenzelsplatz — der Demonstrationsschauplatz
Václavské náměstí | U-Bahn: Muzeum (Linien A+C)
Vom Národní-Denkmal zum Wenzelsplatz gehen — dem zentralen Boulevard, der die Bühne für die Massenakte der Revolution war. Zwischen dem 19. und 27. November 1989 versammelten sich hier allnächtlich Hunderttausende — Schätzungen reichen von 200.000 bis 800.000 auf dem Höhepunkt. Das Jan-Palach-Denkmal nahe dem Nationalmuseum (oberes Ende des Platzes) ist der feste Punkt: Die Menschen standen hier mit Kerzen und klimperten mit Schlüsseln — ein unverwechselbarер akustischer Protest. Das Geräusch der klingelnden Schlüssel war das Signal des Aufschließens, des Öffnens.
Der Platz ist 750 Meter lang; ihn vom unteren Ende (Můstek) bis zum oberen Ende (Nationalmuseum) zu Fuß zu gehen, vermittelt das physische Gefühl seiner Größe und der Menschendichte, die er aufnahm.
Einplanen: 20 Minuten.
Haltepunkt 3: Melantrich-Gebäude-Balkon
Václavské náměstí 36, Nové Město | Wenzelsplatz
Am 22. November 1989 erschienen Václav Havel und Alexander Dubček (der Führer des Prager Frühlings von 1968, für den Anlass rehabilitiert) gemeinsam auf dem Balkon des Melantrich-Gebäudes — damals von der sozialistischen Presse besetzt — und sprachen zur Menge darunter. Die Kombination von Havel und Dubček auf demselben Balkon, zu einer halben Million Menschen sprechend, war der Moment, in dem der Erfolg der Revolution auch für diejenigen sichtbar wurde, die daran gezweifelt hatten.
Das Gebäude beherbergt heute ein H&M-Geschäft. Der Balkon ist vom Platz aus sichtbar. Eine Gedenktafel markiert die Bedeutung der Adresse.
Einplanen: 5 Minuten.
Haltepunkt 4: Laterna Magika — Hauptquartier des Bürgerforums
Národní 4, Nové Město | Neben dem Nationaltheater | U-Bahn: Národní třída (Linie B)
Das Laterna-Magika-Theater wurde vom Bürgerforum als operatives Hauptquartier während des Novembers 1989 in Beschlag genommen. Havel führte die Verhandlungen mit der kommunistischen Regierung aus den Backstage-Räumen des Theaters, während auf der Bühne darüber weiter Vorstellungen stattfanden. Die Kombination aus Theatertradition und politisch-revolutionärer Aktivität im selben Gebäude — Havel war Dramatiker; Laterna Magika war Prags Experimentaltheater — war absolut passend.
Das Theater ist heute Teil des Nationaltheater-Komplexes und wird weiterhin betrieben. Das Äußere ist schlicht; für das Theaterprogramm eintreten, wenn verfügbar. Eine kleine Ausstellung in der Lobby dokumentiert die Zeit von 1989.
Einplanen: 10–15 Minuten.
Haltepunkt 5: Tschechisches Radio-Gebäude
Vinohradská 12, Vinohrady | U-Bahn: Náměstí Míru (Linie A)
Ein kurzer Fußweg oder eine U-Bahn-Station östlich zum Tschechischen Radio-Gebäude in der Vinohradská. Hier sendete der Tschechoslowakische Rundfunk 1968 unabhängige Nachrichten, als sowjetische Panzer in Prag einrückten — die Redakteure machten weiter, bis das Gebäude physisch besetzt wurde. 1989 war das Tschechische Radio eine der ersten Institutionen, die Berichte zu senden begannen, die dem offiziellen kommunistischen Bericht über den 17. November widersprachen. Eine Gedenktafel und ein Gedenkpanel außerhalb des Gebäudes dokumentieren beide Ereignisse.
Einplanen: 10 Minuten.
Haltepunkt 6: Letná-Park — der Kundgebungsort und der leere Sockel
Letenská pláň, Holešovice | Straßenbahn: Čechův most
Der Spaziergang endet im Letná-Park, wo am 25. November 1989 die größte Einzelkundgebung der Samtenen Revolution stattfand: etwa 750.000 Menschen versammelten sich auf der Letná-Ebene, um Havel und Oppositionsredner zu hören. Die Grasfläche kann diese Zahl kaum fassen. Der schiere Umfang der Kundgebung vom 25. November, größer als jede vorherige Versammlung in der tschechischen Geschichte, machte die Position der Kommunistischen Partei innerhalb von Tagen unhaltbar.
Der berühmte leere Sockel (wo bis 1962 Stalins Statue stand) überragt den Kundgebungsort; David Černýs Metronom tickt darüber. Von der Parkterrasse aus bietet der Blick auf Pražský hrad (Prager Burg) und die Stadt darunter den geografischen Kontext für alles, was man abgelaufen ist.
Einplanen: 20 Minuten.
Für noch mehr Geschichte
Das Museum des Kommunismus (Na Příkopě 10) deckt den vollständigen 41-jährigen Kontext für die 41-tägige Revolution ab. Der Kommunismus-Ära-Prager-Spaziergang deckt dieselbe Geografie mit einem anderen Schwerpunkt ab. Beide zusammen ergeben ein vollständiges Bild von Prag unter und nach dem Kommunismus.
Praktische Informationen
- Start: Národní-17-Denkmal, Národní 16, U-Bahn: Národní třída (Linie B)
- Ende: Letná-Park, Straßenbahn zurück ins Zentrum: Čechův most (Linien 1, 8, 25, 26)
- Dauer: 2,5–3 Stunden
- Entfernung: ca. 5 km
- Innen vs. außen: vorwiegend im Freien; Laterna-Magika-Lobby (kurzer Innenraumstopp)
- Jahreszeit: Der 17. November ist der Tag des Kampfes für Freiheit und Demokratie — ein gesetzlicher Feiertag in der Tschechischen Republik; das Národní-17-Denkmal und der Wenzelsplatz sind an diesem Datum besonders bedeutsam
- Barrierefreiheit: flache Route durch das Stadtzentrum; Letná erfordert einen kurzen Aufstieg von der Straßenbahnhaltestelle
Fragen zur Samtenen Revolution
Wer war Václav Havel?
Václav Havel (1936–2011) war ein tschechischer Dramatiker, Dissident und Staatsmann. Er war die führende Stimme des Bürgerforums während der Revolution von 1989 und wurde der erste postkommunistische Präsident der Tschechoslowakei — er amtierte bis 1992 — und dann als erster Präsident der Tschechischen Republik von 1993 bis 2003. International gilt er als eine der großen moralischen politischen Figuren des 20. Jahrhunderts.
Warum hieß es „Samtene Revolution”?
Der Name kommt von der vollständig gewaltlosen Natur des Übergangs — es wurden keine Schüsse abgefeuert, keine politischen Gefangenen hingerichtet. „Samten” impliziert glatt, ungebrochen, ohne Riss. Der Begriff wurde von westlichen Journalisten geprägt und von Havel selbst übernommen.
Was geschah am 17. November 1989?
Ein Studentenmarsch von Albertov (einem Universitätsviertel) nach Wyschehrad und dann Richtung Wenzelsplatz wurde auf der Národní-Straße von Bereitschaftspolizisten gestoppt. Die Polizei griff die Demonstranten mit Schlagstöcken an. Ein unbestätigter Bericht (später umstritten) behauptete, ein Student sei getötet worden; dieser Bericht — egal ob zutreffend oder nicht — mobilisierte die Bevölkerung über Nacht. Fotos und Filmaufnahmen des Polizeiangriffs verbreiteten sich schnell.
War die Revolution vollständig friedlich?
Ja. Der Polizeiangriff am 17. November verletzte Dutzende Studenten, tötete aber niemanden. Nachfolgende Demonstrationen blieben ungehindert. Die KP-Führung verhandelte mit dem Bürgerforum, anstatt eine militärische Reaktion anzuordnen — eine Entscheidung, die teilweise durch das Bewusstsein geprägt wurde, dass benachbarte kommunistische Regime (DDR, Ungarn, Polen) bereits gefallen waren oder fielen.
Was geschah mit der Tschechoslowakei nach 1989?
Nach der Samtenen Revolution hielt die Tschechoslowakei im Juni 1990 freie Wahlen ab. Sie trennte sich dann am 1. Januar 1993 friedlich in die Tschechische Republik und die Slowakei — die Samtene Scheidung, ein Name, der bewusst die Samtene Revolution aufgreift. Beide Länder traten der Europäischen Union im Jahr 2004 bei.
Tiefer eintauchen
Prag: Zweiter Weltkrieg und kommunistische Geschichte — geführte Tour — geführte Wanderung, die den Zweiten-Weltkrieg- und Kommunismus-Kontext abdeckt, der zur Revolution von 1989 führte.
Prag: Geschichte des Kommunismus und geführte Tour durch den Atombunker — erweitert den Kommunismus-Ära-Kontext mit Zugang zu einem echten Kalten-Kriegs-Bunker.


